Grenzschließungszeremonie an der Wagah Border – geht es noch absurder?

Bina mit einem indischen Grenzsoldat

Bina mit einem Grenzsoldaten

Das abgedrehteste Erlebnis unserer bisherigen Reise war die Grenzschließungszeremonie am Länderübergang zwischen Indien und Pakistan. Es ist unfassbar lächerlich, was die Soldaten dort aufführen.

Doch fangen wir von vorn an. Wir wohnten in Amritsar und nahmen uns dort eine Auto-Rikshaw nach Wagah/Attari (600 Rupien hin und zurück). Auf der einstündigen Fahrt dorthin sahen wir Kasernen, schwer bewaffnete Grenzpatrouillen und einige Panzer. Mit der Unabhängigkeit 1947 teilte sich das ehemalige Britisch-Indien in das heutige Indien und Pakistan. Seither sind die Beziehungen zwischen den beiden Ländern schwierig, weshalb die militärische Präsenz keine Überraschung für uns war.

Die Grenze befindet sich zwischen dem indischen Amritsar und dem pakistanischen Lahore. Als wir auf dem Parkplatz ankamen, mussten wir noch ein gutes Stück bis zum eigentlichen Schauplatz laufen. Wir stellten uns an eine sehr lange Warteschlange an. Ein Soldat teilte uns aber schnell mit, dass wir diese als Touristen umgehen durften und so liefen wir zu den Tribünen.

Nach drei peniblen Personenkontrollen fanden wir letztlich die Touristentribünen, die sich neben den VIP-Tribünen befinden. Um Zutritt dorthin zu bekommen, musst du deinen Reisepass vorzeigen.

Touristen- und VIP-Eingang

Kontrolle vor dem Touristen- und VIP-Eingang

Die allgemeinen Plätze sind generell sehr überfüllt – vor allem zum Wochenende hin. Deswegen kommen viele Inder schon mehrere Stunden vor der Zeremonie nach Wagah und stellen sich in den Warteschlangen an, um noch einen guten Platz zu bekommen.
Als ausländischer Tourist ist es aber völlig ausreichend, kurz vor der Zeremonie da zu sein, da es auf der Touristentribüne genug Platz gibt. Wir wussten das allerdings nicht und waren einige Stunden vorher da. Die knallharte Sonne drückte auf der Tribüne so sehr; starte lieber nicht zu früh! Wenn du 17 Uhr da bist, reicht das aus.

Die Grenzschließungszeremonie an der Wagah Border ist übrigens kostenlos, sodass du kein Ticket kaufen musst. Vor Ort kannst du für normale Preise Wasser (20 Rupien) und einige Snacks wie Popcorn kaufen. Im Gegensatz zu einigen Gerüchten ist es erlaubt, Kameras und Rucksäcke mit auf die Tribüne zu nehmen.

Bevor die Zeremonie richtig losging, hat der Moderator (Animateur trifft es eigentlich besser) das Publikum mächtig aufgeheizt. Als erstes durften einige Damen aus dem Publikum mit der indischen Flagge in der Hand zum Grenztor laufen. Anschließend tanzten die Frauen auf dem Weg nach Pakistan zu indischer Popmusik. Dass die ganze Veranstaltung Volksfestcharakter hatte, brauch ich wohl nicht mehr zu erwähnen. Die Besucher ließen sich die indische Fahne ins Gesicht malen und kauften Fan-Shirts von der Grenztruppe.

Während die Frauen tanzten, wurde das Gelände von einer Patrouille mit einem Bombenspürhund abgesucht. Dann ging es endlich los.

Tausende Inder grölten, als die Wachtruppen Richtung Grenztor marschierten. Die Exerziers-„Kunst“ der Soldaten reichte dabei soweit, dass sie ihre Beine hoch in die Luft warfen, bis sich die Füße über dem Kopf befanden. Wenn die Witzfiguren… äähh Entschuldigung… Soldaten auf den Boden aufstampften, wurde das kunstvoll durch ein Schlagzeug betont. Die Inder feuerten Ihre Truppe von der Tribüne mit Sprechchören an. Bei den Szenen konnte ich einfach nur lachen!

Jeden Abend führen die Soldaten beider Länder diese Comedy-Aufführung synchron auf und sobald sie am Tor ankommen, werden die Flaggen der beiden Länder abgenommen. Dabei achtet jedes Land peinlichst genau darauf, dass die eigene Fahne ja nicht tiefer hängt als die Flagge des ungeliebten Nachbars. Am Ende der Zeremonie werden die Grenztore von beiden Seiten übertrieben zugeschmettert.

Es ist schwer in Worte zu fassen, wie absurd die ganze Veranstaltung ist. Deshalb schau dir jetzt am besten unser Video an:

Nach Abschluss der Vorführung können die Zuschauer bis zum Grenztor laufen. Von dem Konflikt zwischen Indien und Pakistan war hier plötzlich nichts mehr zu merken. Beide Seiten winkten sich fröhlich zu und versuchten mit der Kamera nette Erinnerungen festzuhalten.

Wenn man die Grenzschließungszeremonie in Wagah ernst nimmt, dann müsste man die inszenierten Drohungen gegen die Nachbarn streng verurteilen. Es ist sicherlich nichts Gutes, wenn der Nationalismus auf beiden Seiten so angefeuert wird. Andererseits ist die artistische Vorstellung so abstrus, dass ich das einfach nicht ernst nehmen kann.

Auf dem Heimweg stellte ich mir schließlich eine Frage: Denken die Inder wirklich, dass sie an der Grenze gut beschützt werden?

Die Veränderung hat keine Anhänger. Die Menschen hängen am Status quo. Man muss auf massiven Widerstand vorbereitet sein.

Jack Welch