Wie wir mit dem Dalai Lama seinen 80. Geburtstag feierten

Vergangenen Sonntag hat der Dalai Lama seinen 80. Geburtstag mit einer Zeremonie gefeiert. Wir durften ganz nah dabei sein. Heute erfährst du, wie der Botschafter des Friedens sein Jubiläum begangen hat und was mein ganz persönlicher Höhepunkt war.

Schon 6 Uhr morgens verließen wir unser Hotelzimmer. Ganz und gar nicht unsere Zeit. Eigentlich auch sonst eine Zeit, zu der McLeod Ganj noch leicht dahin schlummert. Aber dieser Tag war anders.

Auf den Straßen wirkten die sonst so gelassenen Mönche sehr hektisch. Zusammen mit hunderten Tibetern und einigen Touristen eilten sie alle an einen Ort: Den Tempel des Dalai Lamas.

Nach einigen Orientierungsschwierigkeiten fanden wir schließlich unseren Eingang. Wir hatten das Glück, einige Tage zuvor eine Presseakkreditierung zu bekommen. Daher mussten wir einen speziellen Eingang nehmen.

Das Tempelgelände war bunt geschmückt mit Blumenketten, buddhistischen Gebetsfahnen sowie mit indischen und tibetischen Flaggen.

Die Ordner waren schwer damit beschäftigt, alle Menschen an ihren richtigen Platz zu führen. Wir konnten mit unseren Presseausweisen sehr nah an der Bühne sitzen. Ansonsten hatten vor allem Schüler aus Dharamsala und Mönche eigene Sitzbereiche zugeteilt bekommen. Die meisten Touristen hingegen mussten weit entfernt von der Bühne stehen. Dort waren sie dem Regen und später der harten Mittagssonne ausgesetzt.

Immer wieder wurden die Menschenmengen von den Ordnern umsortiert. Halb acht erklangen die ersten Gesänge von Mönchen über die Lautsprecher. In der Luft lag eine Anspannung, die alle Besucher miteinander vereinte.

Die Anlage wurde immer voller und die Mitarbeiter immer nervöser. Dann plötzlich entdeckte ich etwas. Mir war sofort klar, was das bedeutete.

Das Tor vor dem Haus des Dalai Lamas öffnete sich. Nur wenige Augenblicke später ertönten Trommeln und Trompeten. Sofort folgte ein aufgeregtes Raunen der Zuschauer. Einige Mönche marschierten über den roten Teppich und verteilten Weihrauch. Tänzer und Trommler in traditioneller tibetischer Tracht eilten den Mönchen hinterher. Und da war er: Tendzin Gyatsho, der 14. Dalai Lama aus Tibet.

Zunächst lief er an der Bühne vorbei und ging über eine Treppe lächelnd in das Innere des Tsunglagkhang-Tempels. Dort wurde über zwei Stunden eine Longlife-Ceremony abgehalten, an der wichtige buddhistische Würdenträger wie spirituelle Führer und Äbte teilnahmen. Die wartenden Zuschauer im unteren Bereich konnten das Geschehen über einen Fernseher verfolgen. Im Tempelkomplex bildete sich eine lange Menschenschlange, in der Mönche und andere Buddhisten auf ihre Teilnahme an der Zeremonie warteten.

Zu Beginn der Zeremonie verteilten die Organisatoren des Geburtstages Tee und eine Art Brot an die Besucher, die außerhalb des Tempels warten mussten.

Tenzin Gyasto wurde am 6. Juli 1935 geboren. Warum wurde der 80. Geburtstag dann am 21. Juni 2015 gefeiert? Der Grund dafür ist die tibetische Zeitrechnung. Laut dem tibetischen Kalender erblickte Tenzin Gyatso am fünften Tag des fünften Monats das Licht der Welt. Und dieser Tag fiel 2015 auf den 21. Juni. Aufgrund der Bedeutung des 80. Geburtstages richteten sich die Feierlichkeiten nach dem tibetischen Kalender, auch wenn sonst der 6. Juli als Geburtstag akzeptiert wird.

Durch meinen Presseausweis konnte ich die Zeremonie für kurze Momente über ein Fenster beobachten. Der Dalai Lama saß vor einer riesigen Buddha-Statue auf seinem Thron. An diesem Thron liefen die Gläubigen vorbei und präsentierten ihre Gaben. Diese Prozedur wurde immer wieder durch Gesänge und Meditationseinheiten unterbrochen.

Zum Abschluss der Zeremonie hielt der Dalai Lama eine zwanzigminütige Rede, in der er unter anderem sagte:

„Meine Ärzte weisen ebenfalls darauf hin, dass ich noch etwa zwanzig Jahre leben könnte. Ich bin nun 80 Jahre; lasst uns also planen, dass wir zu meinem 90. Geburtstag wieder feiern.“

Währenddessen haben viele Ehrengäste auf der Bühne außerhalb des Tempels Platz genommen und erneut verteilen die Organisatoren Snacks im Publikum.

Dudelsäcke und Trommeln erklangen um 10:45 Uhr, womit das Programm außerhalb des Tempels begann. Eine große Truppe sorgte für mächtige Stimmung. Unterbrochen wurde die Einlage durch die Ankunft des Dalai Lamas auf der Bühne.

Nachdem die Band wieder verschwunden war, folgte ein zweistündiges Programm mit Reden, Tänzen und Gesangsvorführungen.

Zu den Gastrednern zählten hochrangige Politiker:

  • Nabam Tuki, Ministerpräsident des Bundesstaates Arunachal Pradesh
  • Pawan Kumar Chamling, Ministerpräsident des Bundesstaates Sikkim (Rede wurde in Vertretung vorgelesen)
  • Viplove Thakur, Abgeordnete im Rajya Sabha (Oberhaus des indischen Parlamentes)
  • Marco Pannella, Präsident der italienischen Partito Radicale
  • Lobsang Sangay, Sikyong (Regierungschef der tibetischen Exilregierung)
  • Kiren Rijiju, indischer Staatsminister für Inneres
  • Mahesh Sharma, indischer Staatsminister für Kultur und Tourismus und für Zivile Luftfahrt

Alle Redner drückten ihren Respekt gegenüber dem Dalai Lama aus und wünschten ihm ein langes Leben.

Zwischen den Reden gab es immer wieder kulturelle Einlagen. Den Anfang machte das Tibetische Institut für darstellende Künste (kurz TIPA, Tibetan Institute Of Performing Arts).

Höre dir jetzt hier die beiden Lieder an:

Beim zweiten Lied wurde anscheinend seine Biographie besungen, da die Künstler nacheinander Bilder aus dem Leben des Dalai Lamas präsentierten. Die Aufnahmen zeigten den Dalai Lama z.B. als Kind auf einem Thron oder bei der Übereichung des Friedensnobelpreises.

Bei einer späteren Einlage von TIPA singen und beten viele Tibeter mit.

Die nächsten Lieder wurden von der Do-Toe-Gruppe aufgeführt.

Es folgte wieder eine Rede, die allerdings unterbrochen werden musste. Denn vom Wohnhaus des Dalai Lamas erklang plötzlich laute Musik. Zwei Staatsminister, die zu den Ehrengästen zählten, hatten sich reichlich verspätet und unterbrachen mit ihrer Ankunft das Programm. Mit der Marschband und schwerbewaffneten Soldaten liefen sie zur Bühne. Für uns war das wieder mal eine sehr taktlose Geste, die für uns aber mittlerweile zum Stereotyp des indischen Machos passt.

Nach der Unterbrechung ging das Programm weiter mit diversen Reden. Besonders Marco Pannella stach dabei heraus. Der italienische Freund des Dalai Lamas hatte so viel mitzuteilen, dass er ganz vergaß, dass kaum jemand im Publikum Italienisch spricht. Der Dolmetscherin gelang es nicht, Pannella in seinem Redefluss zu bremsen und so musste dann sogar noch ein Tibeter die Rede kurz stoppen. Schließlich kam die Dolmetscherin zu Wort. In meinen Ohren erklang das beste Englisch, dass ich seit Monaten gehört habe. Die Asiaten sahen das aber offensichtlich anders. Neben mir saß ein Fotograf von einer asiatischen Presseagentur. Der hat mich gefragt, ob ich irgendetwas verstehen würde. Schließlich wäre das ja die schlechteste Dolmetscherin, die man sich vorstellen könnte. Ich konnte mir nur mit Mühe ein Schmunzeln unterdrücken. Wir haben ja auch immer wieder Probleme, das indische Englisch zu deuten.

Die nächste kulturelle Einlage kam von der Do-May-Gruppe, die mit tibetischen Instrumenten tanzten. Auffällig waren die metallischen Umhängetaschen, auf denen jeweils ein Foto des Dalai Lamas zu sehen war.

Das Publikum zum Beben gebracht hat ein einzelner Sänger mit einem berühmten tibetischen Lied.

Schließlich kam auch der Jubilar noch zu Wort. Die Masse hörte gespannt zu und fieberte mit. Leider haben wir von der Rede nichts verstanden, da der Dalai Lama auf Tibetisch gesprochen hat. Aber allein die Stimmung, die Gestik und das erheiternde Lachen des inspirierenden Mannes haben uns gefesselt.

Ein letzter Redner vom Organisationskomitee kam zu Wort. Danach gab es – wie auf jeder anständigen Geburtstagsfeier – für alle Gäste Essen. An hunderte Besucher wurden Thalis und Mangos verteilt.

Die Ehrengäste auf der Bühne aßen mit dem Dalai Lama.

Schließlich ging der Dalai Lama durch die Besuchermengen hindurch mit seinen Ehrengästen zurück zu seiner Residenz. Mein persönlicher Höhepunkt des Tages sollte erst noch kommen.

Überall auf seinem Weg wollten die Gläubigen dem Dalai Lama die Hände schütteln. Als er wenige Meter neben mir vorbei lief, verspürte auch ich urplötzlich das dringende Bedürfnis in mir, ihm die Hand zu reichen. Auch wenn es für mich nur wenige Schritte gewesen wären; ich überließ den Tibetern lieber den Vortritt.

Dafür konnte ich eine Szene beobachten, die ich besonders herzerwärmend fand und die meinen persönlichen Höhepunkt des Tages darstellte. Ein alter Mann saß hinter einer Absperrung und winkte Seiner Heiligkeit zu. Als der Dalai Lama ihn entdeckte, ging er auf ihn zu und beugte sich weit über das Geländer, um dem alten Mann die Hand zu reichen. Das fand ich eine sehr starke Geste, zumal der Dalai Lama nun auch schon 80 Jahre alt ist. Der alte Mann konnte sein Glück selbst nicht fassen und kam für mindestens die nächsten 20 Minuten nicht aus dem Grinsen heraus. Danach habe ich ihn aus den Augen verloren.

Dieser Moment hat mir vor Augen geführt, wie wichtig der Dalai Lama für das Volk ist, das so unendlich viele Qualen erleiden musste. Nicht nur Tibeter verbinden mit ihm die Hoffnung auf eine besser Welt, in der Toleranz herrscht, es keine Gewalt gibt und alle Menschen glücklich leben können.

Wenn wir dem Dalai Lama ein Geburtstagsgeschenk machen wollen, dann müssen wir uns alle jeden Tag für diese bessere Welt einsetzen.

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